Hostname: page-component-848d4c4894-2pzkn Total loading time: 0 Render date: 2024-05-25T21:43:20.068Z Has data issue: false hasContentIssue false

Die Sendschreiben der Offenbarung des Johannes: Literarische Gestaltung – Buchkompositorische Funktion – Textpragmatik

Published online by Cambridge University Press:  03 December 2014

Martin Stowasser*
Affiliation:
Institut für Bibelwissenschaft – Fachbereich Neues Testament, Kath.-Theol. Fakultät der Universität Wien, A – 1010 Wien, Schenkenstraße 8–10, Austria. email: martin.stowasser@univie.ac.at

Abstract

The Letters to the Seven Churches in the Book of Revelation follow a fixed sevenfold literary pattern. The single form elements are developed in view of the special situation of each of the seven churches but, at the same time, aim to create linkages with the main body of the book. In addition, referencing between form elements within one and the same letter often help to construe ambiguous metaphors. While the seven letters all together build a unit, this unit falls into two groups: the letter to Thyatira closes the first section, the letter to Laodicea closes the second one, with the letter to Sardis serving as a hinge between the two groups. The literary and the text-pragmatic purpose of the seven letters are well combined. In the second group, the linkages serving as a connection with the rest of the book make an increasing use of motives that describe the final victory at the end of the Book of Revelation. In this way, the author tries to focus the reader's attention on this eagerly awaited future.

German Abstract: Die sieben Sendschreiben der Offenbarung des Johannes sind nach einem literarischen Schema gestaltet, dessen Formelemente inhaltlich auf die jeweilige Gemeindesituation hin entfaltet werden, zugleich aber buchkompositorisch geschickt mit dem restlichen Buch vernetzen. Darüber hinaus bestehen öfter Bezüge einzelner Formelemente innerhalb eines Schreibens, die helfen, die oft mehrdeutigen Bilder inhaltlich zu erschließen. Die sieben Sendschreiben bilden intern zwei Gruppen, was den Schreiben nach Thyatira und Laodicea eine Schlussstellung und dem nach Sardes eine Scharnierfunktion zuweist. Literarisches und textpragmatisches Ziel werden dabei gekonnt verbunden, indem für die buchkompositorischen Vernetzungen in der zweiten Gruppe zunehmend Motive aus dem vom Sieg geprägten Schlussteil der Offenbarung Verwendung finden, wodurch der Blick konsequent auf diese ersehnte Zukunft hin ausgerichtet wird.

Type
Articles
Copyright
Copyright © Cambridge University Press 2015 

Access options

Get access to the full version of this content by using one of the access options below. (Log in options will check for institutional or personal access. Content may require purchase if you do not have access.)

References

1 Zur Terminologie und Formbestimmung vgl. Giesen, H., Die Offenbarung des Johannes (RNT; Regensburg: Friedrich Pustet, 1997) 93–4Google Scholar; Lichtenberger, H., Die Apokalypse (ThKNT 23; Stuttgart: W. Kohlhammer, 2014) 82–3Google Scholar.

2 Vgl. auch Satake, A., Die Offenbarung des Johannes (KEK 16; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008) 150CrossRefGoogle Scholar.

3 Aune, Anders D. E., Revelation A (WBC 52A; Dallas, TX: Word Books, 1997) 121Google Scholar, der sich vom Konkordanzbefund täuschen lässt und auf Offb 1.9–20 fixiert bleibt; ähnlich P. Prigent, L'Apocalypse de Saint Jean (CNT(N) 14; Genève: Éditions Labor et Fides, 20003) 113 mit Anm. 3 sowie S. 147.

4 Das ἑπτά ist textkritisch unsicher. Vgl. Aune, Revelation A, 324.

5 Vgl. auch Giesen, Offenbarung, 131; ohne Referenzpunkt Satake, Offenbarung, 181; Beale, G. K., The Book of Revelation: A Commentary on the Greek Text (The New International Greek Testament Commentary; Grand Rapids: Eerdmans, 1999) 283Google Scholar, will hingegen „a paraphrastic development of ,faithful witness' in 1:5a“ erkennen. – Offb 6.10 ist zwar Teil des ersten Plagenzyklus, doch durchbricht das 5. Siegel ihn insofern, dass den Geschlachteten unter dem Altar mit der weißen Stola bereits ein Zeichen ihres Sieges verliehen wird. Die Anrede ὁ δεσπότης verknüpft ὁ ἅγιος καὶ ἀληθινός mit Gott, doch sind zahlreiche Epitheta in der Offenbarung des Johannes zwischen Gott und Christus austauschbar.

6 So z. B. Giesen, Offenbarung, 132; Satake, Offenbarung, 181; Beale, Revelation, 283.

7 Das Schlüsselmotiv ist stärker mit Blick auf den Botenspruch von Philadelphia gewählt, wie die enge Anbindung durch θύραν ἠνεῳγμένην … οὐδεὶς δύναται κλεῖσαι unmittelbar danach (V. 8) erkennen lässt. Solche Vernetzungen zwischen Botenformel und Botenspruch sind nichts Außergewöhnliches: vgl. ganz deutlich 2.1 // 2.5; 2.12 // 2.16; ev. auch 2.8 (νεκρὸς καὶ ἔζησεν) // 2.10 (ἄχρι θανάτου … τὸν στέϕανον τῆς ζωῆς).

8 Zum vermutlich messianischen Verständnis von Jes 22.22 im Targum vgl. Prigent, Apocalypse, 154.

9 Wiederholte Aufnahmen von Begriffen bzw. Motiven verdanken sich der „spiralförmigen Erzählstruktur“ der Offenbarung. Vgl. u. S. 56 Anm. 17.

10 Zu den Briefelementen der Offenbarung des Johannes vgl. grundlegend Karrer, M., Die Johannesoffenbarung als Brief: Studien zu ihrem literarischen, historischen und theologischen Ort (FRLANT 140; Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1986)CrossRefGoogle Scholar.

11 Vgl. z. B. Giesen, Offenbarung, 139; Satake, Offenbarung, 186.

12 Allerdings nur im hebräischen Text, nicht aber LXX (τὸν θεὸν τὸν ἀληθινόν); anders allerdings Sym: τὸν Θεόν, ἀμήν.

13 Der Schriftgebrauch des Verfassers ist jedenfalls nicht streng atomistisch. Auch das zentrale Bild des βιβλίον κατεσϕαγισμένον (Offb 5.1) beinhaltet nicht nur Wehe und Klagen, sondern ebenso die Sicht auf Erlösung und Heil. Wie in Ez 2.9–10 wird es dem süß wie Honig (Ez 3.3), der auf der Seite Gottes steht und seinen Willen erfüllt. Zum mannigfaltigen Umgang des Verfassers mit alttestamentlichen Texten, der häufig auch den Kontext miteinbezieht vgl. umfassend Beale, Revelation, 76–99.

14 Vgl. Aune, D. E., Revelation C (WBC 52C; Nashville, TS: Thomas Nelson, 1998) 1126Google Scholar. – Wegen des binominalen Charakters in 21.6, 22.13 lehnt Prigent, Apocalypse, 163, eine Bezugnahme ab und vermutet gnostisierende Vorstellungen, die nach Kolossä (vgl. Kol 1.15–18) verweisen.

15 In 5.13 lobt die gesamte Schöpfung (πᾶν κτίσμα) Gott und das Lamm. ᾿Αρχή könnte dann die Schöpfungsmittlerschaft (so Giesen, Offenbarung, 139) oder jedenfalls die Vorordnung vor alle Schöpfung (so U. B. Müller, Die Offenbarung des Johannes (ÖTBK 19; Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus/Würzburg: Echter, 19952) 135–6) und Nähe zu Gott anklingen lassen. Dann wäre einmal mehr die Vision vom Lamm der Referenzpunkt in einer Botenformel der zweiten Gruppe (zur Zweiteilung des Sendschreibencorpus vgl. u. S. 60–64). Allerdings setzt der Wechsel von κτίσις (sonst nur noch Offb 8.9) zu κτίσμα ein zusätzliches Fragezeichen hinter diese Lösung.

16 Anders als bei den Botenformeln setzt der Wechsel nicht erst mit dem Sendschreiben nach Sardes, sondern bereits mit jenem nach Thyatira ein. Zu einer weiteren und inhaltlich gut begründbaren Variation bezüglich der Schlussstellung des Schreibens nach Thyatira in der ersten Gruppe der Sendschreiben vgl. u. S. 63f.

17 Die Prolepse von Offb 12–15 ist Teil jener „spiralförmigen Erzählstruktur“, bei der sich in der Offenbarung des Johannes „die Zeitstufen ständig durchdringen“. St. Schreiber, „Die Offenbarung des Johannes“, Einleitung in das Neue Testament (Hg. M. Ebner/St. Schreiber; KStTh 6; Stuttgart: Kohlhammer, 20132) 566–93, hier 568–9.

18 Beale, Revelation, 134–5, ersetzt teilweise die wörtlichen Bezugnahmen gänzlich durch motivliche und bezieht deshalb auch das δώσω αὐτῷ ἐξουσίαν ἐπὶ τῶν ἐθνῶν der Sieger in 2.26 auf 22.5 (καὶ οἱ δοῦλοι αὐτοῦ … βασιλεύσουσιν εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων); vgl. βασιλεύσουσιν aber auch in 5.10; 20.6. Der Verfasser greift jedoch nicht sämtliche Elemente der Überwindersprüche später auf (vgl. 3.5b) und eine Throngemeinschaft mit dem Lamm im strengen Sinn kehrt als Bild ebenfalls nirgends wieder.

19 Einzige Ausnahme bildet der zusätzliche Bezug von 3.5 auf 17.8.

20 Zu einzelnen solchen Verbindungen zwischen Botenformel und Botenspruch vgl. o. S. 63 Anm. 7.

21 Zum religiösen wie sozialen Hintergrund des Problems vgl. Müller, Offenbarung, 97–8.

22 Vgl. zu Pergamon auch Satake, Offenbarung, 167.

23 Vgl. Stowasser, M., „Synagoge des Satans: Innerjüdische Bruchlinien in der Offenbarung des Johannes”, Die Offenbarung des Johannes: Kommunikation im Konflikt (Hg. Th. Schmeller, M. Ebner, R. Hoppe; QD 253; Freiburg im Breisgau: Herder, 2013) 137–64Google Scholar, hier 148.

24 Vgl. auch Giesen, Offenbarung, 129: „Das bildet einen deutlichen Kontrast zum geistlichen Tod in v. 1.“

25 Die andere Verbindungslinie schafft das Stichwort des „Namens“ (V. 8b // V. 12c).

26 Es ist kein Zufall, dass das betonte οὐ μή sich in gleicher Weise nur noch im Überwinderspruch an die Gemeinde von Smyrna findet (2.11b), die ebenfalls im Konflikt mit der „Synagoge des Satans“ lebt (2.9). Dem (wohl bereits erfolgten) Ausschluss aus der Synagoge war die Androhung mitgegeben, mit solcher Verstoßung der ewigen Verdammnis (ὁ θάνατος ὁ δεύτερος) anheimzufallen. Vgl. Karrer, Johannesoffenbarung, 194. – Zum jüdischen bzw. judenchristlichen Ursprung des Neologismus vom „zweiten Tod“ vgl. Aune, Revelation C, 1091–3.

27 Zum Tempel als Bild für die Kirche vgl. 1 Kor 3.1–16; 2 Kor 6.16; Eph 2.19–22; 1 Petr 2.4–10.

28 Giesen, Offenbarung, 135, vermutet als aktuellen Bezugspunkt ein zerstörerisches Erdbeben, das die Stadt heimgesucht hatte.

29 Solche Spannungen erklären sich durch die Verwendung ganz unterschiedlicher Heilsbilder in der Offenbarung, die als Nebeneinander, nicht aber als kohärente Ereignisfolge eines Nacheinander zu deuten sind. So zu Frey, Recht J., „Was erwartet die Apokalypse? Zur Eschatologie des letzten Buches der Bibel“, Die Johannesapokalypse: Kontexte – Konzepte – Rezeption (Hg. J. Frey, J. A. Kelhoffer, F. Tóth; WUNT i 287; Tübingen: Mohr Siebeck, 2012) 473551Google Scholar, bes. 541.

30 Das Element der (dreifachen) Beschriftung mit den unterschiedlichen Namen verdankt sich eher der Kreativität des Verfassers und muss nicht auf antiken Vorbildern von beschrifteten Säulen beruhen (dazu vgl. Aune, Revelation C, 242).

31 Vgl. denselben inhaltlich recht deutlichen Bezug zum Stichwort „Namen“ auch zwischen 3.8 und 3.12.

32 Vgl. die Diskussion bei Satake, Offenbarung, 167–8; Aune, Revelation A, 189–91.

33 Vgl. Th. Zahn, Die Offenbarung des Johannes (2 Bde.; KNT 18; Leipzig: A. Deichert, 1924–6; zitiert hier: Wuppertal: R. Brockhaus, 1986) 277–8Google Scholar.

34 Prigent, Apocalypse, 168: „Cette finale [= 3.21] rappelle de très près Ap. 2,26–7.“

35 Vgl. Morris, L., The Revelation of St. John (TNTC; Grand Rapids: Eerdmans, 1969) 57–8Google Scholar.

36 Vgl. Wall, R. W., Revelation (New International Biblical Commentary; Peabody, MA: Hendrickson, 1991) 69Google Scholar.

37 Vgl. Beale, Revelation, 226–7.

38 Vgl. den Dulk, M., „The Promises to the Conquerors in the Book of Revelation“, Bib. 87 (2006) 516–22Google Scholar.

39 Dulk, „Promises“, 522.

40 Satake, Offenbarung, 149.

41 Zwischen der Doppelbezeichnung ὁ ἅγιος, ὁ ἀληθινός in 3.7 und ὁ πιστὸς καὶ ἀληθινός als Einzelbestimmung in 3.14 ist zu unterscheiden. Vgl. o. S. 52f. mit Anm. 5.

42 Vgl. dazu o. S. 52. – Auch die Überwindersprüche kennen eine Schemaänderung, indem – allerdings bereits mit dem Sendschreiben nach Thyatira beginnend – die Vernetzungen mit der Schlussvision um solche mit der Prolepse der Kapitel 12–15 erweitert werden. Vgl. o. S. 56.

43 Dies könnte sich jedoch auch einer individuellen Akzentsetzung verdanken, welche die Sendschreiben stellenweise prägt, und nicht so sehr dem übergreifenden literarischen Gestaltungswillen.

44 Von kompositorischem Interesse ist bei der Umstellung von Weckruf und Überwinderspruch in der Literatur immer wieder die Rede, zumeist allerdings ohne näher zu erläutern, worin selbiges besteht (vgl. z. Roloff, B. J., Die Offenbarung des Johannes (ZBK NT 18; Zürich: Theologischer Verlag, 2001 3) 48Google Scholar). Satake, Offenbarung, 151, erkennt eine grundlegend buchgestaltende Funktion des Weckrufes darin, dass statt Christus „der Geist“ zum Subjekt der Rede wird und so der Visionsteil (vgl. 1.10; 4.2) in den Blick kommt, interpretiert allerdings den Positionswechsel aus der Perspektive des Überwinderspruches: „Er [= Verf.] hat beim Schreiben gemerkt, dass die Verheißung ihrer Natur gemäß eine enge Beziehung zu den Mahnungen hat, die im Hauptteil [= der Sendschreiben] ausgesprochen werden … Es ist also zweckmäßig, den Überwinderspruch dicht an den Hauptteil zu rücken und den Weckruf ganz an das Ende zu stellen.“

45 Müller, Offenbarung, 93.

46 Eventuell war die Anordnung der Sendschreiben auch wegen der geographischen Route, die das Buch nehmen sollte, nicht beliebig veränderbar, da die Städte „alle an der großen Verbindungsstraße liegen, die von Ephesus aus nordwärts über Smyrna und Pergamon führte und anschließend über Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea südwärts zurück nach Ephesus“. So Müller, Offenbarung, 82, der zumindest gegen die Verbindung zu militärischen Poststationen Bedenken anmeldet.