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Ich möchte nicht die ganze urkunde zum abdruck bringen, die uns allein einen einblick in das leben einer phratrie gewährt, bin über uberzeugt, dass die erklärer deshalb nicht richtige folgerungen gezogen haben, weil sie die urkunde aus den meinungen über die phratrien erklärt haben, die doch alle ungewiss sind, statt dies wie jedes schriftstück erst aus sich zu erklären. ich bitte also den leser, meine paraphrase selbst zu controlliren, indem er den text zur hand nimmt.
Der stein stand in Dekeleia vor dem altar des Zeus phratrios (65. 1). er enthält zuerst den tarif für die beiden opfer, die für die anmeldung und einführung eines mitgliedes in die bruderschaft zu leisten sind, d. h. den anteil, den der priester erhält. darauf die überschrift “beschluss der brüder unter dem archon Phormion, bruderschaftsvorsteher Pantakles”. genaure praescripta fehlen, es muls also dahin stehn, ob der beschluss in der einmaligen ordentlichen versammlung (ἀγоά) der bruderschaft an den Apaturien stattgefunden hat, oder ausserordentlich. auch ist nicht bezeichnet, wie weit das folgende zu demselben beschlusse von 396 gehört; das letzte gesetz (von 113 ab) ist der schrift und orthographie nach mehrere jahrzehnte jünger. es ist auch durch alinea getrennt. da das alles für die beiden andern nicht gilt, auch die identität des steinmetzen von Lolling angemerkt wird, so muss ich alles für gleichzeitig halten. unter dieser voraussetzung werde ich interpretiren; es verschlägt wenig, wenn es doch ein späterer beschluss sein sollte, da er nur ganz kurze zeit später fallen könnte.
Die quellenkunde der griechischen geschichte ist eine disciplin, die etwa vor einem menschenalter erfunden ist und am bequemsten in dem verbreiteten abrisse von A. Schaefer studirt wird. da stehn mehr oder weniger kümmerliche biographische und litterarische notizen tiber die griechischen historiker bis ans ende des zweiten jahrhunderts v. Chr., also Diodor und Plutarch fehlen, um dafür in der römischen quellenkunde zu figuriren. wenn sie für die eine quellen sind, wieso sind sie's für die andere nicht? das buch trägt überhaupt sehr viel von der schuld, dass die studenten meinen, man lernte die griechische geschichte wesentlich aus den historikern.
Gleichzeitig ist mit einem sehr starken aufwande von arbeit, zumeist allerdings anfängerarbeit, der versuch gemacht, die späteren berichte aut ihre quellen zurückzufuhren. dabei ist einiges wertvolle ermittelt; es hat sich aber nachgerade herausgestellt, dass dieses quellensuchen ein recht schwieriges geschäft der litterarischen analysis ist. die historische analyse hat zwar fur die zeit nach Polybios viele und gute ausbeute ge- Iiefert; vorher verschwindend wenig. als das wichtigste methodisch wie praktisch gleich bedeutsame ergebnis darf man verzeichnen, dass die bedeutung der antiken sammler und forscher immer klarer hervortritt. leute wie Timaios Tstros Hermippos Apollodoros Alexandros von Milet sind ungleich kenntlicher geworden als Ephoros Theopompos Aristobulos. ihre reste aber finden sich vornehmlich bei grammatikern und philosophen, in scholien und lexicis, also in schriften, die unter den geschichtsquellen nicht zu paradiren pflegen.
Ohne die phylen und demen des Kleisthenes kann man sich Athen, oder doch ein demokratisches Athen, gar nicht vorstellen. demgemäss sollte der gründer der gemeindeordnung der populärste name in seinem volke sein. dem stand seine hochadliche abkunft hindernd entgegen, und der name des volksmannes Solon hat den seinen fast verdrängt. als man bald nach den Perserkriegen den staatsfriedhof anlegte, erhielt Kleisthenes noch ein ehrengrab: damals lebten noch die zeugen seiner reform. 411 wird eine berücksichtigung seiner gesetze wenigstens in einem amendement vorgesehn (29, 3); aber schon 403 redet man nur von Drakons und Solons gesetzen, und im vierten jahrhundert pflegt Kleisthenes höchstens als annex Solons aufzutreten. die chronik hatte wenigstens die änderung der phylen und demen sehr eingehend behandelt, auf grund von reichem urkundenmateriale; aber ihr grundstock gehörte doch einer zeit an, die so vollkommen durchdrungen war von den gewaltsamen neuerungen des reformators, dass sie das ältere, den geschlechterstaat, gar nicht mehr verstand. wir können die beiden berichte, über die wir verfügen, bei Herodotos und Aristoteles, leider durch sonstige reste der chronik nicht sehr stark ergänzen. Herodot hat ausser den mündlichen traditionen des Alkmeonidenhauses, die das persönliche angehn, das ihn vorwiegend interessirt, einen der chronik analogen mündlichen oder schriftlichen bericht benutzt; aber er hatte für die verfassung, abgesehen von dem demokratischen prinzipe, kein interesse. so ist das kurze capitel des Aristoteles (21) eine wahre offenbarung für uns und erfordert eine eingehende erläuterung.
Die Politie hat für die chronologisch dunkele periode 479–45 einige feste punkte gegeben, durch die Themistoklesanekdote aber gedroht, alles zu verwirren. bei der nachprüfung stellte sich mir zur eigenen überraschung heraus, dass das mistrauen gegen die ergebnisse der zeitrechnung für diese periode, das ich bisher gehegt hatte, nur so weit berechtigt war, als es den modernen gebäuden galt, die ohne ausnahme starke gewaltmittel gegenüber den zeugnissen brauchen. lässt man dagegen die zuverlässige überlieferung stehn, so ergibt sich ein resultat von sehr erfreulicher einfachheit und sicherheit. obwol also neues gerade gar nichts von mir aufgestellt wird, halte ich für gut, eine zeittafel vorzulegen. die methode, dünkt mich, spricht für sich selbst, die genauen und absolut, nicht bloss relativ, gegebenen datirungen an einander zu reihen. wenn sie stimmen, so ist es gut; die relativen angaben müssen sich dann fügen, und es hat historisch sogar nur ein geringes interesse, wie das bewerkstelligt wird.
Es kommt freilich darauf an, welche voraussetzungen man macht, und wie weit man exacte genauigkeit überhaupt für erreichbar hält. ich schicke deshalb die grundsätze voraus, auf deren boden ich allein debattiren kann.
1) die zeitrechnung ist die attische. alle angaben der späteren gehen auf attische jahre zurück, abgesehen von dem persischen kanon der könige.) also sind die einzig absolut verlässlichen daten die auf den attischen archon gestellten, zumal sie entweder direct in urkunden erhalten sind oder aus der chronik stammen.
Die steine der burg von Athen erzählen uns von einer zeit, deren selbst die sage vergessen hat. hinter der gewaltigen ringmauer wohnten die Kekroper in kleinen häuschen, und der palast ihres königs stand etwa da, wo die zeit Kleophons das Erechtheion gebaut hat. die burg hatte keineswegs nur den zugang von westen, sondern es führte von nordosten ein steiler aber breiter weg zum schlosse, und eine schmale treppe stieg zur späteren Pansgrotte hinab (Euripides nennt diesen weg μαϰϱαí) und weiter zur Klepsydra. am nordfusse des burgfelsens rann der fluss, an dem dieses Athen lag, der Eridanos, und sein ‘reines nass schöpften’ die mädchen. an der ecke, wo das Erechtheion mit dem Athenatempel zusammenstösst, den Peisistratos erbaut hat, zeigt die wand selbst, dass der baumeister auf einen raum darunter rücksicht nahm, das grab des Kekrops. kein zweifel, dass dieses grab die gebeine eines alten herren des schlosses barg oder birgt. noch heute kann der andächtige blick die male schauen, die der dreizack Poseidons in dem burgfelsen zurückgelassen hat, und ist auch Athenas ölbaum verschwunden, so ist doch die umfriedigung des gärtchens unverkennbar, in dem der tau der Agrauliden seiner wartete. auge und hand kann fühlung nehmen mit einer zeit, die eine verschollene urzeit war, als Peisistratos den alten tempel baute. damals spross noch der heilige ölbaum und stand noch der hausaltar der alten könige des schlosses. die continuität ist in Athen niemals abgerissen, obwol die erinnerung nichts fest gehalten hatte als die tatsache der continuität.