Der Orient - Fiktion oder Realität? / The Orient - Fiction or Reality? In diesem Abschnitt soll das Bild der Frau, das Russegger beschrieben hat, untersucht werden. Anders als bei anderen Reiseautoren hat Russegger das Frauenbild nicht an einer bestimmten Stelle betont oder ihm ein eigenes Kapitel gewidmet. Vielmehr vermittelt er den spontanen Eindruck, sei es Faszination oder Abscheu, den er gegenuber der agyptischen Frau verspurt, an der Stelle dem Leser, an der er auf diese trifft. Dabei beschreibt er die Personen in unterschiedlich starker Wahrnehmung ihrer Korperlichkeit und Kleidung. Beschrieben werden jeweils nur die starksten Reize dieser Wahrnehmung (z. B. Augen, Figur) als Bruchstucke des Ganzen, andere Details werden einfach weggelassen. Damit reduziert er das Bild, das er dem Leser vor dessen geistigem Auge prasentiert, bewusst auf die einpragsamen Momente. So bekommt der Leser das Bild eines Augenblicks, nicht aber ein stehendes Portrat, quasi ein literarisches Gemalde, wo eine sehr ausfuhrliche Beschreibung stehen konnte. Wenn wir an den Orient denken, produzieren wir ganz von selbst verschiedene Bilder in unserem Kopf. Russegger hat viele dieser Bilder in seinem Werk verarbeitet, da ist z. B. von der Wuste, dem Nil und seinen Quellen, von den arabischen Pferden und Kamelen, der farbenprachtigen Kleidung, den Sūqs mit ihren vielfaltigen Duften und Waren, von den orientalischen Garten und Gebauden, dem Harem etc. die Rede. Der Orient galt dabei im 19. Jahrhundert als die Domane mannlicher Phantasie. Er wurde
Ausgemalt als Synonym fur freizugige Sexualitat und gleichgesetzt mit hingebungsvoller, sinnlicher, gefugiger Weiblichkeit. […] Exotik und Erotik – in der Vorstellung vom Orient, wie sie im 19. Jahrhundert ausgebildet und popularisiert wurde, waren beide Begriffe austauschbar, wurden Synonyme.
Durch diesen mannlichen Blick aus der Ferne auf den Orient wurde der Orient gleichsam feminisiert, d .h. in der Wahrnehmung des Orients tauchten eigentlich nur Orientalinnen, jedoch keine Orientalen auf. Dies raumt Russeggers Beobachtungen naturlich einen besonderen Stellenwert ein. Daraus ergibt sich die Frage, inwieweit er europaische Fantasien und Klischees in seiner Wahrnehmung vor Ort bestatigt oder widerlegt. Stephane Michaud schreibt in ihrer Abhandlung „Idolatrie. Darstellungen in Kunst und Literatur” im Sammelband von Duby und Perrot zur Frau im 19. Jahrhundert:
Ob sinnlich erfasbar oder imaginar, Bilder sind alles andere als bedeutungslos. Sie teilen dem Menschen seine Sehnsuchte mit, aber auch seine Unfahigkeit, das Objekt seiner Begierde zu besitzen.
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